Einleitung von Prof. Dr. Karl-Josef Frey, em. Ordinarius für Kognitive Psychologie, Pädagogische Hochschule und Universität Heidelberg, Gastprofessor an der Berkeley University of California (aus dem Buch: Hans Greuel "Das Zeitalter des Hörsturzes").

"..., welche das Phänomen Tinnitus und ähnliche Gesundheitsstörungen in einen völlig neuen Zusammenhang stellen und deshalb in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Danach gehören der Hörsturz, Morbus Menière, Tinnitus und andere ähnliche Erkrankungen im Kopf- und Wirbelsäulenbereich zu einem größeren Symptomenkomplex, dessen Krankheitsbild Dr. Greuel unter der wissenschaftlich treffenden Bezeichnung PNI-Innenohrsyndrom (Psycho-neuro-endokrino-immunologisches Innenohrsyndrom) zusammenfaßt.

Diese Bezeichnung ist vor allem deshalb so sinnvoll, weil sie den Hörer von vornherein darauf einstellt, daß, erstens, psychische, neuronale (vegetative), endokrine (hormonelle) und immunologische Prozesse zusammenwirken, um sich schließlich im Innenohrbereich zu manifestieren, und daß, zweitens, diese Manifestation vom Betroffenen als Zeichen zu verstehen ist, welches über sich selbst hinaus auf einen tieferen Sinn verweist.

Sobald aber psychische Prozesse (welche bei Dr. Greuel nicht umsonst am Anfang des bezeichneten Syndroms stehen) eine entscheidende Rolle spielen, Prozesse, die eben nicht im üblichen Sinne, wie physiologische Vorgänge, meßbar und lokalisierbar sind, kommen natürlicherweise andere wichtige Faktoren ins Spiel. Diese sind, wie Dr. Greuel in seinen Schriften immer wieder nachweist, einmal bestimmte Eigenarten der Persönlichkeitsstruktur und der Lerngeschichte des Betroffenen, dann soziale Bindungen und Forderungen, welche innerhalb des gesellschaftlichen Kräftespiels für den Kranken Geltung besitzen, und schließlich Aspekte der gesamten Lebensphilosophie des Patienten, seines bewußten und unbewußten Weltbildes, welches seine Lebensführung, besonders sein Leistungsverhalten, bestimmt.
Dr. Hans Greuels Biomentale Therapie beruht auf einer wissenschaftlichen Konzeption, die eine lange Vergangenheit, aber eine kurze Geschichte hat. Obwohl die engen Beziehungen, welche zwischen psychischen und physischen Prozessen bestehen, seit langem bekannt sind und als allgemein anerkannt gelten, gibt es erst seit kurzer Zeit ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeiten, welche diese psychophysiologischen Beziehungen im größeren Rahmen persönlichkeitsrelevanter und gesellschaftsbezogener Faktoren in systematischer Weise erforschen.

Dr. Hans Greuel gilt auf diesem Gebiet als Pionier, der innerhalb des hier zur Rede stehenden Symptomenkomplexes das Wesen, die Bedingungen und die Operationsgesetze dieser psychophysiologischen Beziehungen mit wissenschaftlichen Methoden ergründet, empirisch überprüft und therapeutisch genutzt hat.

Als Arzt spricht Dr. Greuel zu Recht nicht von psychophysiologischen Vorgängen, wie dies der theoriebezogene Grundlagenforscher tun würde, sondern von biomentalen Prozessen, deren Heilungseffekt er durch den systematischen Einsatz seiner biomentalen Therapie auslöst.
Der Begriff „biomental“ erscheint uns deshalb als glücklich gewählt, weil dadurch, erstens, zum Ausdruck kommt, daß eine mentale, d.h. eine geistige Beeinflussung zur Beendigung der Krankheit möglich und notwendig ist. Da mentale oder geistige Prozesse jedoch grundsätzlich privater Natur sind, ist impliziert, daß diese Beeinflussung nur vom Patienten selbst ausgehen und gesteuert werden kann. Das heißt, daß der Patient zuerst, wie dies die vorliegende Schrift zu tun versucht, über die tieferen Gründe und die Wurzeln seines Leidens aufgeklärt werden muß, damit er versteht (Verstehen ist ein eminent mentaler Prozeß), was seine schmerzliche Lage verursacht hat, und was er dagegen unternehmen kann.

Zum zweiten drückt der Begriff „biomental“ aber auch aus, daß die unmittelbar körperlich wirkenden biologischen Abläufe innerhalb des menschlichen neuroendokrinoimmunologischen Systems von entscheidender Bedeutung sind und über den mentalen Weg „neu eingestellt“ werden müssen, um zur Ruhe, um ins Gleichgewicht zu kommen. Daß diese Ruhestellung therapeutisch über bestimmte Übungen, welche der Betroffene unter ärztlicher Anleitung systematisch erlernen und pflegen muß, wiedergewonnen werden kann, gehört zu den wichtigsten Entdeckungen Dr. Greuels."


Fallbeispiel

Fall 41 WAS28035)

Seit dem Auszug ihres Sohnes aus dem Elternhaus im Oktober 2005 fühle sich die Patientin zunehmend niedergeschlagen, traurig und antriebslos. Darüber hinaus leide sie unter Ohrgeräuschen und schmerzhaften Muskelverspannungen im Nacken, die zu Spannungskopfschmerzen sowie Migräne und Schwindelgefühlen führen würden. Im Beruf (Lehrerin) fühle sie sich überfordert und könne abends nicht abschalten, „ich gehe mit den Problemen der Schüler ins Bett, liege stundenlang wach und grüble und grüble“. Die Schlafstörungen würden immer schlimmer. Alles wachse ihr über den Kopf, sie habe Angst, arbeitsunfähig zu werden und komme aus eigener Initiative zur Therapie, weil sie nicht mehr weiterwisse.

Vor dem Hintergrund der beruflichen Überforderung sowie der latenten Unzufriedenheit in der Ehe löste der Auszug des Sohnes offensichtlich den aktuellen Konflikt aus. Die Patientin ist versucht, sowohl Trauer als auch massive Enttäuschungswut zu aktualisieren, weil sie sich unbewusst um den Lohn für die jahrelange Anpassung und altruistische Abtretung gebracht sieht. Aufgrund ihres strengen, Anpassung, Gewissenhaftigkeit und Bravsein fordernden Über-Ichs kann sie sich derartige Gefühle nicht eingestehen, sodass sie entsprechende aggressive Affekte gegen das Selbst wendet und anteilig auf die körperliche Ebene verschiebt.

Bei der Patientin fallen massive Idealisierungstendenzen auf, die eine Auseinandersetzung mit dem tatsächlich Erlebten noch verunmöglichen. Es ist von einer eingeschränkten Autonomieentwicklung durch eine unaufgelöste Beziehung zu der scheinbar dominanten Mutter auszugehen. Diese unterdrückte subtil die Wünsche nach Autonomie und die eigenen vitalen Impulse der Patientin, sodass diese das Gefühl internalisierte, dass nur durch Artigkeit und Anpassung eine Chance auf Zuwendung und Liebe besteht. Eine Ablösung von der Mutter konnte nicht gelingen, zumal der Vater die mütterliche Art perpetuierte und emotional ebenfalls nicht zur Verfügung stand. In der Folge übernahm die Patientin die elterlichen Erwartungen und fand eine Anpassung über die Verdrängung aggressiver Impulse und das Erbringen von Leistungen. Ihre Wut und Trauer über die mangelnde Möglichkeit, sich von den Eltern abzugrenzen, wurden unterdrückt.

Durch eine ununterbrochene berufliche Laufbahn lebte die Patientin über Jahre gut kompensiert. Sie band sich in eine altruistische Attitüde an ihre Kinder, wodurch sie ihre eigenen Mangelerfahrungen (und ihre unterschwellige Unzufriedenheit mit ihrem beruflich sehr engagierten Ehemann) ausgleichen konnte. Mit der Überforderung am Arbeitsplatz kommt ihr Kompensationsgebäude ins Schwanken, der Auszug des zweiten Kindes bringt das Fass endgültig zum Überlaufen. Gefühle von Trauer, Wut und Enttäuschung klingen an, die nur durch die Symptomproduktion abgewehrt werden können.

Zunächst muss mit der Patientin eine tragfähige therapeutische Beziehung ausgebaut werden. Dazu soll ihre sehr bescheidene, überangepasste Haltung zunächst durch einen empathischen Interventionsstil aufgegriffen werden, damit sie zu mir Vertrauen aufbauen kann. Nach und nach soll sie erfahren, dass sie sich auch mit Gefühlen von Ärger und Wut zeigen darf (und auch soll), ohne dass sie mit Ablehnung oder Zurückweisung rechnen muss. Die aktuelle Konfliktlage hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen der Überforderung am Arbeitsplatz, dem Auszug der Kinder und der ehelichen Situation sollen untersucht werden. Dabei soll der Patientin ins Bewusstsein gehoben werden, dass sie durch ihre übermäßige Anpassungs- und altruistische Abtretungsbereitschaft nach wie vor (wie in der Kindheit) hofft, Zuwendung und Anerkennung zu erhalten, womit sie sich jedoch überfordert, damit sie ihre hohe Selbstansprüche relativieren kann. Infolge der Umsetzung dieser Ziele dürfte sich die Symptomproduktion allmählich abschwächen.

Patientenbericht: "Nach der 12 Behandlung waren die Ohreräusche weg, traten aber alle zwei bis drei Wochen für einige Stunden wieder auf. In den therapeutischen Gesprächen fanden wir heraus, welche Situationen das waren. Anstatt in diesen Situationen zu grübeln, sprach ich ohne Vorwurf mit demjenigen, der diese Situation verursacht hat. Seitdem ich das praktiziere, kam auch der Tinnitus bisher nicht wieder."